Ich bin jemand, der Probleme am liebsten selbst löst. Wenn irgendwo etwas ansteht, ist mein erster Gedanke fast automatisch: Mach ich. Das war lange Zeit einfach mein System, und ehrlich gesagt hat es mich auch dahin gebracht, wo ich heute stehe – als Physiotherapeutin, als Coach, als jemand, der ein eigenes Unternehmen aufgebaut hat.
Seit ich Mutter bin, merke ich aber immer deutlicher, dass dieses System an seine Grenzen kommt. Ich kann nicht gleichzeitig meine Tochter versorgen, arbeiten, unseren Hund Buddy auslasten, selbst trainieren und den Haushalt organisieren – und dabei überall hundert Prozent geben. Rein rechnerisch geht das nicht auf, so viele Stunden hat ein Tag nicht.
Und trotzdem fällt es mir teilweise erstaunlich schwer, Hilfe anzunehmen. Wenn mein Partner das Baby übernimmt, damit ich trainieren oder in Ruhe arbeiten kann, meldet sich manchmal ein leises Störgefühl. Wenn mein Team bei uns im Gym Verantwortung übernimmt, ohne dass ich jeden Handgriff kontrolliere, kostet mich das bewusste Loslassen. Dabei weiß ich rational genau, dass genau das richtig ist.
Mit der Zeit habe ich verstanden, warum sich das trotzdem schwer anfühlt: Ich hatte Hilfe unbewusst mit Kontrollverlust gleichgesetzt. Als würde ich, sobald jemand anderes einspringt, ein Stück meiner Verantwortung abgeben. Inzwischen sehe ich das anders. Hilfe anzunehmen bedeutet nicht, Verantwortung abzugeben. Manchmal bedeutet es genau das Gegenteil: Verantwortung für die eigenen Prioritäten zu übernehmen – dafür, dass die Dinge, die mir wirklich wichtig sind, überhaupt noch stattfinden können.
Der Satz, den ich im Coaching am häufigsten höre
Dieser Gedanke begegnet mir nicht nur privat, sondern fast täglich im Coaching. Wenn Menschen zu uns kommen und über Training, Ernährung oder ihre Gesundheit sprechen, fällt früher oder später ein Satz, den ich mittlerweile auswendig kenne: „Eigentlich weiß ich ja, was ich machen müsste.“
Mehr bewegen. Regelmäßig trainieren. Ausreichend Protein essen. Weniger snacken. Mehr trinken. Besser schlafen. Stress reduzieren. Die meisten Menschen, mit denen ich arbeite, könnten mir diese Liste selbst aufschreiben, ohne lange nachzudenken. Das Wissen ist da. Und trotzdem sieht der Alltag oft anders aus.
Das führt zu einer Frage, die ich für zentral halte: Wenn wir eigentlich wissen, was zu tun wäre – warum tun wir es dann so häufig nicht? Wenn Wissen allein reichen würde, hätten die meisten Menschen ihre Ziele längst erreicht. Hätten wir alle unsere Trainingsroutine, unsere Ernährung, unseren Schlaf im Griff, nur weil wir einmal einen Artikel darüber gelesen oder eine Doku darüber gesehen haben. Das ist offensichtlich nicht so. Und dafür gibt es gute, gut erforschte Gründe.
Die Lücke zwischen Wissen und Handeln
In der Verhaltenspsychologie gibt es dafür einen eigenen Begriff: die Intention-Behavior-Gap, also die Lücke zwischen dem, was wir vorhaben, und dem, was wir tatsächlich tun. Diese Lücke ist kein Randphänomen, sondern gut dokumentiert. Eine große Meta-Analyse zeigt, dass selbst eine deutliche Veränderung der Absicht, etwas zu tun, sich nur in einer vergleichsweise kleinen Verhaltensänderung niederschlägt. Bezogen auf körperliche Aktivität fassen aktuelle systematische Übersichtsarbeiten es so zusammen: Fast die Hälfte aller Menschen, die sich fest vornehmen, aktiver zu werden, schafft es anschließend nicht, diese Absicht in echtes Verhalten zu übersetzen. Eine gute Absicht zu haben, ist demnach eine notwendige, aber bei Weitem keine ausreichende Voraussetzung für Veränderung.
Warum Wissen allein keinen Plan ersetzt
Ein Grund dafür liegt darin, dass Wissen und Handeln in unserem Gehirn zwei sehr unterschiedliche Dinge sind. Zu wissen, dass man mehr Protein essen sollte, ist eine kognitive Information. Tatsächlich jeden Tag genug Protein zu essen, ist ein wiederholtes Verhalten, das gegen Gewohnheiten, Zeitdruck, Stimmungen und den ganz normalen Alltag bestehen muss. Forschende, die sich mit dem Thema Zielverfolgung beschäftigen, unterscheiden deshalb zwischen dem Bilden einer Absicht und der eigentlichen Umsetzung – und genau in diesem Übergang scheitern die meisten Vorhaben: beim Loslegen, beim Drankleiben und beim Durchhalten, wenn es unbequem wird.
Warum Gewohnheiten Zeit brauchen
Ein weiterer Punkt betrifft unsere Vorstellung davon, wie schnell sich neues Verhalten automatisieren lässt. Der bekannte Mythos, eine Gewohnheit brauche 21 Tage, hält sich hartnäckig – ist aber wissenschaftlich nicht haltbar. Eine vielzitierte Studie zur Gewohnheitsbildung ließ Teilnehmende über zwölf Wochen täglich ein neues Verhalten wiederholen und maß, wie automatisch es sich anfühlte. Im Schnitt dauerte es rund 66 Tage, bis ein Verhalten seinen Automatisierungs-Höchststand erreichte – bei einer riesigen Spannbreite von 18 bis über 250 Tagen, je nach Person und Verhalten. Wer also nach zwei oder drei Wochen aufgibt, weil sich Training oder eine neue Ernährungsgewohnheit noch nicht „normal“ anfühlt, gibt in Wahrheit oft genau in dem Moment auf, in dem es laut Forschung erst richtig losgeht.
Warum Feedback und Accountability den Unterschied machen
Hinzu kommt ein Faktor, der im Alltag häufig unterschätzt wird: fehlende Rückmeldung. Ohne jemanden, der Fortschritt sichtbar macht, Trainingspläne anpasst oder einfach nachfragt, wie es läuft, bleibt Veränderung sehr stark von der eigenen Tagesform abhängig. Forschung zu Zielverfolgung und sogenannten Implementation Intentions – also konkreten Wenn-Dann-Plänen für die Umsetzung eines Vorhabens – zeigt, dass strukturierte Begleitung die Wahrscheinlichkeit, ein Ziel tatsächlich zu erreichen, deutlich erhöht. Menschen, die ihre Fortschritte regelmäßig mit einer anderen Person teilen, bleiben eher dran als Menschen, die ihr Vorhaben ausschließlich mit sich selbst ausmachen.
Warum Alles-oder-nichts oft der eigentliche Bruch ist
Und schließlich gibt es noch ein sehr menschliches Muster, das ich im Coaching immer wieder sehe: Alles-oder-nichts-Denken. Ein verpasstes Training oder ein Wochenende, an dem die Ernährung nicht wie geplant lief, wird schnell als Scheitern des gesamten Vorhabens interpretiert – und aus einem einzelnen Ausrutscher wird ein kompletter Abbruch. Interessanterweise zeigt gerade die Forschung zur Gewohnheitsbildung, dass ein einzelner verpasster Tag den langfristigen Aufbau eines Verhaltens kaum beeinflusst. Das Problem ist selten der Ausrutscher selbst. Das Problem ist die Geschichte, die wir uns danach darüber erzählen.
Was gutes Coaching eigentlich bedeutet
Genau an dieser Stelle wird für mich der Unterschied zwischen Information und Coaching greifbar. Ein Coach ist nicht in erster Linie jemand, der Wissen vermittelt oder einen Trainingsplan schreibt. Information ist heute überall verfügbar – kostenlos, in jeder erdenklichen Form, rund um die Uhr. Was ein guter Coach leistet, ist etwas anderes: Prioritäten gemeinsam zu erkennen, realistische statt überambitionierte Ziele zu setzen, einen Plan an den tatsächlichen Alltag anzupassen und nicht an eine idealisierte Version davon, Fortschritt objektiv einzuordnen, wenn die eigene Wahrnehmung gerade verzerrt ist, und regelmäßig Feedback zu geben, bevor aus kleinen Abweichungen große Lücken werden. Ein Coach erkennt außerdem, wann jemand mehr gefordert werden kann – und genauso wichtig, wann eine Belastung reduziert werden sollte, bevor Frust oder Verletzung entstehen.
Selbstständige Umsetzung ist also nicht dasselbe wie verfügbares Wissen. Und genau in diesem Zwischenraum entsteht der eigentliche Wert von Coaching.
Warum ich als Physiotherapeutin selbst Coaches nutze
Ich beschäftige mich seit über 14 Jahren beruflich mit Training, Bewegung und Gesundheit. Trotzdem lasse ich mich selbst bei meinem Training beraten und gehe, wenn nötig, zur Physiotherapie – zu Kolleginnen und Kollegen, nicht zu mir selbst. Nicht, weil mir das Wissen fehlt. Sondern weil viel Wissen zu haben nicht automatisch bedeutet, sich selbst objektiv coachen zu können.
Wer mitten im eigenen Alltag steckt, hat selten die nötige Distanz, um die eigene Belastung, die eigene Motivation oder die eigenen blinden Flecken klar einzuschätzen. Eine externe Perspektive sieht Muster, die man bei sich selbst leicht übersieht – gerade weil man zu nah dran ist. Das ist kein Widerspruch zu fachlichem Wissen, sondern eine ganz eigene Fähigkeit, die zusätzlich dazukommt.
Der Steuerberater-Vergleich
Bei vielen anderen Themen im Leben ist uns das völlig selbstverständlich. Wenn die Steuererklärung ansteht, gehen die meisten Menschen zu einem Steuerberater, ohne sich dafür zu rechtfertigen. Wenn das Auto ein Problem hat, geht es in die Werkstatt. Wenn am Haus etwas repariert werden muss, holen wir uns einen Handwerker. In all diesen Bereichen akzeptieren wir ohne große Diskussion, dass Expertise von außen sinnvoll ist – und dass sie uns Zeit, Fehler und Umwege erspart.
Bei der eigenen Gesundheit denken viele Menschen dagegen: Das müsste ich eigentlich alleine schaffen. Woher dieser Unterschied kommt, lässt sich nicht mit einem Satz beantworten. Vielleicht, weil Gesundheit sich sehr persönlich anfühlt, während eine Steuererklärung eher wie eine technische Aufgabe wirkt. Vielleicht auch, weil wir gelernt haben, Selbstdisziplin bei Sport und Ernährung stark mit Charakter zu verknüpfen – als würde Unterstützung dort eher etwas über uns aussagen als in anderen Lebensbereichen. Interessant ist dieser Gedanke allemal, gerade weil er selten laut ausgesprochen wird.
Hilfe anzunehmen bedeutet nicht, Verantwortung abzugeben
Damit schließt sich für mich der Kreis zu meiner eigenen Geschichte. Wenn mein Partner das Baby übernimmt, damit ich trainieren kann, gebe ich meine Verantwortung als Mutter nicht ab. Wenn mein Team bei uns im Gym Aufgaben übernimmt, gebe ich nicht die Verantwortung für unser Unternehmen ab. Und wenn jemand mit einem Coach zusammenarbeitet, gibt diese Person nicht die Verantwortung für die eigene Gesundheit ab.
In allen drei Fällen passiert eigentlich das Gegenteil: Unterstützung wird genutzt, um die eigentliche Verantwortung überhaupt gut wahrnehmen zu können. Verantwortung bedeutet nicht, alles selbst zu erledigen. Verantwortung bedeutet, dafür zu sorgen, dass die Dinge, die einem wichtig sind, tatsächlich passieren – notfalls mit Unterstützung, statt trotz fehlender Unterstützung gar nicht.
Wo brauchst du wirklich Wissen – und wo Unterstützung?
Bevor es um uns als Gym geht, würde ich dich gerne einladen, kurz bei dir selbst hinzuschauen. Nicht jeder Bereich im Leben braucht mehr Information. Manchmal braucht er einfach jemanden, der mithilft, das Vorhandene umzusetzen. Ein paar Fragen, die dabei helfen können, das zu unterscheiden:
- Weiß ich wirklich nicht, was ich tun sollte – oder schaffe ich es einfach nicht, es regelmäßig umzusetzen?
- Wo verliere ich immer wieder meine Struktur, obwohl ich eigentlich weiß, wie es besser laufen könnte?
- Was habe ich in den letzten sechs Monaten mehrfach angefangen und dann wieder aufgehört?
- Würde regelmäßiges Feedback oder eine Person, der ich Rechenschaft ablege, mir tatsächlich helfen?
- Welchen Bereich meines Lebens versuche ich gerade unnötig komplett alleine zu lösen?
Die Antworten sind selten dieselben wie beim ersten spontanen Gedanken. Oft zeigt sich beim zweiten Hinschauen, dass es nicht am fehlenden Wissen liegt, sondern an fehlender Struktur, fehlendem Feedback oder schlicht daran, dass niemand mitbekommt, wenn es gerade nicht läuft.
Was das für uns bei CrossFit Recklinghausen bedeutet
Für uns bei CrossFit Recklinghausen ist genau das der Grund, warum wir uns nicht als klassisches Fitnessstudio verstehen, sondern als Coaching-Gym. Es geht bei uns nicht nur darum, Zugang zu Training zu bekommen. Uns interessiert, wo jemand gerade steht, was diese Person erreichen möchte, was sie aktuell davon abhält, welche Form von Training und Begleitung tatsächlich zu ihrem Leben passt – und wie wir es gemeinsam schaffen, dass Training langfristig Teil dieses Lebens wird, statt ein weiteres Vorhaben zu sein, das nach ein paar Wochen wieder einschläft.
Das ist für mich der eigentliche Unterschied zwischen Zugang und Coaching. Zugang gibt dir die Tür. Coaching begleitet dich dabei, tatsächlich durchzugehen – und dranzubleiben, wenn es unbequem wird.
Fazit
Ich lerne gerade selbst, dass ich nicht alles alleine machen muss. Das fällt mir, ehrlich gesagt, nicht immer leicht. Aber ich verstehe zunehmend, dass Verantwortung zu übernehmen nicht automatisch bedeutet, alles selbst zu erledigen. Manchmal bedeutet Verantwortung auch, ehrlich anzuerkennen: Das ist mir wichtig genug, dass ich mir dabei Unterstützung hole.
Wo würde dein Leben gerade leichter oder sogar besser werden, wenn du aufhören würdest, alles alleine schaffen zu wollen?
Wenn Training oder Ernährung einer dieser Bereiche ist, bei denen du eigentlich weißt, was du tun solltest, es aber alleine nicht langfristig umgesetzt bekommst, schauen wir gerne gemeinsam mit dir, woran es liegt und welche Unterstützung für dich sinnvoll wäre – in einem unverbindlichen Kennenlerngespräch.
High Five, Malin CrossFit Recklinghausen | Valkyrie Coaching
Quellen
- Webb, T. L., & Sheeran, P. (2006). Does changing behavioral intentions engender behavior change? A meta-analysis of the experimental evidence. Psychological Bulletin, 132(2), 249–268.
- Feil, K. et al. (2023). The intention–behaviour gap in physical activity: a systematic review and meta-analysis of the action control framework. British Journal of Sports Medicine / PubMed.
- Gollwitzer, P. M., & Sheeran, P. (2006). Implementation intentions and goal achievement: A meta-analysis of effects and processes. Advances in Experimental Social Psychology, 38, 69–119.
- Lally, P., van Jaarsveld, C. H. M., Potts, H. W. W., & Wardle, J. (2010). How are habits formed: Modelling habit formation in the real world. European Journal of Social Psychology, 40(6), 998–1009.
- Ryan, R. M., & Deci, E. L. (2000, 2017). Self-Determination Theory: Basic psychological needs and the facilitation of autonomous motivation in health behavior change. Übersicht via American Psychological Association (apa.org/research-practice).
